Eckhard Hoffmann:
Hörfähigkeit und Hörschäden junger Erwachsener

Dr. med. Eckhard Hoffmann, Arbeitsgruppe Hörforschung, Universität Gießen
Aulweg 123, D35392 Gießen, Deutschland

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei Radiointerviews zum Thema Hören und Hörschäden fällt Moderatoren immer wieder der gleiche, anscheinend sehr originelle Witz ein. Nach einem und zwei Sätzen meinerseits fragen sie: "Wie bitte?"

 

Dia: Wie bitte?

Ist dieser "Scherz" wirklich ein origineller Einfall der Moderatoren? Zeigt er nicht eher unreflektiert das tiefsitzende Vorurteil, daß nicht richtig hören und den Inhalt der Botschaft vom Verstand her nicht richtig verstehen nahezu identisch seien? Der Umgang mit dem Thema Ohr und Hören ist selbst bei Radiomoderatoren, die genau diesen Sinneskanal für ihre Sendungen nutzen, häufig von Gedankenlosigkeit geprägt.

Der Wert des Gehörs in einer scheinbar visuell dominierten Umwelt

Junge Menschen machen sich – sicher nicht zu Unrecht - über ihr Outfit viele Gedanken. Es ist wichtig, daß die Plateauschuhe die richtige Höhe aufweisen, auch die Jeansmarke und der Rest des Stylings sollten möglichst dem aktuellen Trend entsprechen. Der Wert der optischen Wahrnehmung wird in den Gesprächen von Jugendlichen immer wieder betont, die Meinung ist meist eindeutig: Wir leben in einer visuell bestimmten Welt. Das Hören wird dabei als so selbstverständlich erlebt, daß es im ersten Augenblick kaum eines weiteren Nachdenkens wert zu sein scheint. Natürlich spiele die Musik und die Disco eine wichtige Rolle, aber da es dort eh so laut sei, sei es doch ziemlich egal, ob man in einer derartigen Situation etwas höre oder nicht.

Der Wert des Gehörs für die Kontrolle unserer Umwelt, für die Vermittlung von Informationen und insbesondere für die soziale Kommunikation ist den meisten jungen Menschen zunächst nicht bewußt.

Arbeitsschwerpunkte der Arbeitssgruppe Hörforschung

 

Dia: Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe Hörforschung an der Justus-Liebig-Universität unter Leitung von Prof. Fleischer beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung von Hörschäden bei jungen Menschen. Fragen,die in unseren Projekten derzeit im Vordergrund stehen sind z. B.: Was schädigt ein primär normales Gehör im Laufe seines Lebens? Wo liegen besondere Gefahrenmomente für das Ohr? Wie kann das kostbare Gehör möglichst gut und effektiv geschützt werden?

 

Dia: Musikmesse

Im Rahmen unserer Forschungstätigkeit haben wir rund 6000 Personen unterschiedlichen Alters befragt und ihr Gehör getestet. In zahlreichen Aktionen haben wir Präventionsmodelle entwickelt und diese praktisch umgesetzt. So waren wir zum Beispiel auf der internationalen Musikmesse in Frankfurt mehrfach mit einer großen Sonderschau vertreten. Diese stand jeweils unter dem Motto: "Gut hören auch morgen noch". Die Resonanz bei Aktionen wie der Musikmesse in Frankfurt war jedesmal sehr groß. So nahmen die Besucher Wartezeiten von bis zu einer Stunde und länger in Kauf, um einen Hörtest bei uns zu machen. Bei einem Techno-Konzert in Gießen machten wir die Erfahrung, daß die jugendlichen Besucher unseren Info-Stand nicht ignorierten oder spöttisch kommentierten, sondern sich interessiert zeigten und die Angebote, wie z. B. den kostenfreien Gehörschutz, nutzten. Entscheidend war für uns bei allen Aktionen, attraktiv und ohne den erhobenen Zeigefinger zu informieren.

Das oft nur rudimentär vorhandene Wissen über das eigene Gehör ist, meiner Erfahrung nach, deshalb weniger der Ausdruck eines generellen Desinteresses. Es scheint vielmehr ein Mangel an interessant aufbereiteter und zielgruppengerechter Information zu geben.

Untersuchungsmethoden: Befragung und Audiometrie

Die Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe sind immer in drei Abschnitte gegliedert: Zuerst erfolgt eine ausführliche Befragung mittels eines Fragebogens. Dann wird mittels einer sorgfältigen Audiometrie die Hörfähigkeit bestimmt. Am Ende steht immer eine individuelle Beratung. Es ist uns wichtig, nicht nur Forschungsdaten durch die Befragung zu erheben, sondern auch in einem erklärenden Gespräch jedem Einzelnen seinen Hörtest zu erklären. So bekommt jeder einen Ausdruck seines Hörtests mit, damit er später schwarz auf weiß sein eigenes Ergebnis besitzt und damit langfristig die Chance hat, die Entwicklung seiner Hörfähigkeit zu beobachten.

Die Befragung erfolgt vor dem Hörtest, um jede Beeinflussung durch das Testergebnis auszuschließen. In einem zweiseitigen Fragebogen wird die Schallbelastung in Beruf und Freizeit ermittelt. Da wir schwerpunktmäßig junge Menschen untersuchen, spielt natürlich die Musik bei der Befragung eine große Rolle. So wird z. B. die Anzahl der Discobesuche pro Monat, die Aufenthaltsdauer in einer Disco und die Anzahl der Discojahre erfragt. Natürlich interessiert uns auch, ob der Verstärker ab und zu mal richtig aufgedreht wird, welche Musikrichtungen überwiegend gehört werden und wieviel Konzerte besucht werden. Daneben wird unter anderem nach Ohrgeräuschen (Tinnitus), möglichen Knalltraumata und Ohrerkrankungen gefragt.

Mit diesem Fragebogen erhalten wir ein differenziertes Bild von der akustischen Belastung jedes Einzelnen. Bei jeder Befragung ist jedoch zu berücksichtigen, daß die ganze Vielfalt des Lebens sich mit keinem Fragebogen erfassen läßt. Hinzu kommt, daß natürlich auch manches bewußt oder unbewußt vergessen wird.

 

Dia: Audio-LKW

Der Hörtest selbst findet im Audiolastzug statt. Dieser Lastzug ist eine Eigenkonstruktion der Arbeitsgruppe, um mobil und flexibel Hörtests durchführen zu können. Im Anhänger sind 4 schallgedämmte Kabinen untergebracht, die gute Meßbedingungen gewährleisten. So können jeweils 4 Personen gleichzeitig einen Hörtest absolvieren. Bei den Hörtests im Audiocontainer wird die Hörfähigkeit im Frequenzbereich von 125 Hz - 16 kHz gemessen. Standardmäßig wird beim HNO-Arzt oder beim Hörgeräteakustiker die Hörfähigkeit meist nur bis 8 kHz bestimmt. Der erweiterte Hochtonbereich oberhalb 8 kHz stellt für unsere Untersuchungen eine wertvolle Ergänzung dar. Manche Schädigungsmuster lassen sich durch die Einbeziehung dieses Bereiches besser klassifizieren. Bei unseren Untersuchungen ermitteln speziell geschulte Audiometristen sorgfältig die Hörschwelle über nahezu den gesamten Hörbereich. Es wird eine echte Hörschwellenmessung durchgeführt. Im Gegensatz zu vielen Screening-Tests, die zunächst nur abchecken, ob ein Ton in einer gewissen Lautstärke gehört wird, wird hier wirklich die Schwelle gemessen, bei der ein Ton vom unhörbaren in den gerade wahrnehmbaren Bereich kommt.

Im hinteren Container ist ein Arztraum untergebracht, der zum einen die nötige Ausstattung für ärztliche Untersuchungen beinhaltet und eine ruhige Atmosphäre für das Beratungsgespräch gewährleistet. Über eine Computernetzwerk wird das Ergebnis des Hörtests direkt im Arztraum ausgedruckt und wird dort jedem individuell erklärt.

Charakterisierung der untersuchten Gruppe

Die Auswertungen die ich Ihnen heute näher vorstellen werde, beziehen sich auf eine Gruppe von 424 jungen Männern im Alter von 19 - 21 Jahren. Diese wurden zu Beginn ihrer Wehrdienstzeit am 1. oder 2. Tag von uns untersucht. Sie hatten also von der Bundeswehr noch nahezu nichts mitbekommen und auch noch keine Waffe in der Hand gehabt. Zum Teil beziehen sich die Untersuchungen auch auf eine erweiterte Gruppe von 1670 Personen im Alter von 18 - 25 Jahren.

Häufigkeit der Hörschäden bei jungen Erwachsenen

Wie steht es nun um die Hörfähigkeit der jungen Erwachsenen? Im Alter von 20 Jahren sollte idealerweise die Hörschwelle noch im gesamten Frequenzbereich auf der Null-Linie liegen. In den 50er und 60er Jahren wurde die Hörschwelle von gesunden jungen Erwachsenen in dieser Altersklasse untersucht. Personen mit Ohrerkrankungen und einer übermäßigen Lärmbelastung wurden ausgeschlossen. Aus den so ermittelten Hörschwellen wurde der Median per Definition als Null-Linie festgelegt.

Dia: Hörschäden

In dieser ersten Auswertung wird als Hörschaden ein Hörverlust von 20 dB oder mehr gewertet. Nur 40% der 424 jungen Männer hörten auf beiden Ohren und allen Frequenzen gut. Das heißt, ihr maximaler Hörverlust betrug jeweils höchstens 15 dB. 60% wiesen an mindestens einer Frequenz bei mindestens einem Ohr einen Hörverlust von 20 dB oder mehr auf. Bei insgesamt 22% betraf der Hörverlust den Bereich der "klassischen Audiometrie" bis 8 kHz. Diese Zahl stimmen gut mit anderen aktuellen wissenschaftlichen Studien überein. Der Hörverlust betraf in den meisten Fällen nicht nur den Bereich bis 8 kHz, sondern es bestand zusätzlich auch ein Hörverlust im erweiterten Hochtonbereich von 9 - 16 kHz. Ein Schaden bis 8 kHz ist somit meistens auch mit einem Hörverlust im Frequenzbereich von 9 - 16 kHz gekoppelt. Ein gutes Hörvermögen bis 8 kHz war jedoch andererseits keine Garantie für ein gutes Hörvermögen im erweiterten Hochtonbereich. In 38% war bei guter Hörfähigkeit im Normaltonbereich im erweiterten Hochtonbereich ein Hörverlust von mindestens 20 dB meßbar.

Der Kontrast zwischen Selbsteinschätzung der Hörfähigkeit und audiometrischem Befund

Ist den Betroffenen ihr Hörverlust bewußt? In unserem Fragebogen bewerten die Probanden vor dem Hörtest ihre eigene Hörfähigkeit. In den Auswertungen zeigt sich, daß die subjektive Einschätzung der eigenen Hörfähigkeit und das reale Hörvermögen häufig weit auseinander klaffen. Die subjektive Einschätzung des eigenen Hörvermögens ist somit kein verläßlicher Parameter für die Hörfähigkeit. Ich habe Ihnen als Beispiel den Hörtest einer 17-jährigen Schülerin mitgebracht. Im Fragebogen gab sie an, sie glaube normal zu hören. Beim anschließenden Hörtest stellte sich dann heraus, daß dieses 17-jährige türkische Mädchen auf dem rechten Ohr taub war. Weitere Nachuntersuchungen bestätigten dieses Ergebnis. Eine Ursache für die einseitige Taubheit konnte nicht gefunden werden. Im anschließenden Gespräch erzählte die junge Frau, sie habe keinerlei Probleme durch ihre einseitige Taubheit. Auch bei weiteren Nachfragen gab sie an, sich keiner Einschränkung, z.B. in lauter Umgebung, bewußt zu sein.

Bei einem anderen Mädchen aus der gleichen Schulklasse fand sich ein ähnlicher Befund. Diese Schülerin war nach einer Infektionskrankheit in der frühen Kindheit auf dem linken Ohr ertaubt. Die Hörfähigkeit auf dem rechten Ohr war normal. Im Gespräch gab die 16-jährige an, in der Schule in der 1. Reihe zu sitzen, da sie sonst Schwierigkeiten habe, den Ausführungen der Lehrkräfte zu folgen. Insbesondere, wenn mehrere Personen gleichzeitig reden, falle ihr die Teilnahme an einem Gespräch sehr schwer. Wenn daheim das drahtlose Telefon schelle, finde sie es erst nach längerem Suchen, wenn es nicht an seinem gewohnten Platz liege. Vergleicht man die beiden Jugendlichen, so zeigt sich, daß bei vergleichbarem medizinischen Befund die daraus folgenden Konsequenzen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

Die Individualität der Wahrnehmung

Viele Hörverluste entwickeln sich langsam im Laufe von vielen Jahren. In der Regel wird ein langsam fortschreitender Hörverlust von den Betroffenen erst sehr spät realisiert. Meistens ist es die Umgebung, die ihn oder sie mit Sprüchen wie "Bist Du taub oder was?" auf den Hörverlust aufmerksam macht. Der Mensch hat im alltäglichen Leben, wenn man von einem plötzlichen Hörverlust wie z. B. durch einen Hörsturz absieht, keine direkte Vergleichsmöglichkeit, um die eigene Hörfähigkeit zu bewerten. Die eigene akustische Wahrnehmung scheint für uns deshalb zunächst immer das "Normale" zu sein. Wir gehen meistens davon aus, daß das, was wir von unserer Umwelt wahrnehmen, das was wir hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen von unserem Nachbar in ähnlicher Weise wahrgenommen wird. Was berechtigt uns zu dieser Annahme? Es kennt doch sicher jeder, daß man mit anderen "gemeinsam" eine Situation erlebt hat und im Gespräch hinterher feststellen mußte, daß diese ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wurde. Vielleicht folgte dann eine heiße Diskussion um die "richtige Sicht der Dinge". Die Sprache liefert uns in solchen Augenblicken die Chance, unsere Wahrnehmungen bis zu einem gewissen Grad abzugleichen. Wie und was unser Nächster von seiner Umwelt wahrnimmt wird uns zu einem großen Teil jedoch immer verborgen bleiben. Auch für die Seelsorge ist es wichtig, daß Sie sich immer wieder bewußt zu machen, daß jeder seine Umwelt ganz individuell und einzigartig wahrnimmt. Wir sind oft in der Versuchung anderen unsere Wahrnehmung überstülpen zu wollen. Vergessen wir nicht: Wenn uns die Wahrnehmung eines anderen sehr fremd vorkommt, so geht es dem anderen mit unserer Wahrnehmung sicher nicht viel anders.

Ursachenabschätzung der beobachteten Hörschäden

Deshalb zurück zu den Hörschäden. Woher kommen nun diese häufig zu beobachtenden Hörschäden? Eine Aufteilung der beobachteten Hörschäden nach Schädigungsmustern gibt erste Aufschlüsse. Je nach Schädigungsmuster sind Rückschlüsse auf die Ursache möglich. Hörschäden im Tieftonbereich, wie sie in 30% beobachtet wurden, sind z.B. recht häufig durch Mittelohrentzündungen verursacht. So können insbesondere chronische Mittelohrentzündungen die Schallübertragung des Mittelohres mit seinen Komponenten, dem Trommelfell und den Gehörknöchelchen Hammer, Amboß, Steigbügel deutlich beeinträchtigen. Hörschäden im Mitteltonbereich sind laut Literatur des öfteren genetisch bedingte Hörverluste. Von den hier Untersuchten gab jedoch keiner an, daß seine Eltern oder andere Blutsverwandte seit jungen Jahren schwerhörig waren. Hörschäden im Bereich zwischen 3 und 8 kHz gelten im allgemeinen als schallverursachte Hörschäden. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich im Hörtest eine deutliche Senke zeigt. Hörschäden im Hochtonbereich können jedoch auch nach der Einnahme von ototoxischen, d.h. für das Ohr schädlichen Medikamenten auftreten. Bestimmte Antibiotika als auch einige Chemotherapeutika die in der Krebstherapie eingesetzt werden, zählen zu diesen ototoxischen Medikamenten, die das Hörvermögen beeinträchtigen können. Nach Möglichkeit werden diese Medikamente jedoch heutzutage vermieden. Falls ein Einsatz dennoch notwendig ist, wird das Hörvermögen engmaschig kontrolliert.

Bei den hier untersuchten jungen Erwachsenen mit einem Hochton-Hörverlust zeigte sich in nahezu allen Audiogrammen eine typische Senkenform. Das Maximum der Senke, der Punkt des größten Hörverlustes lag zwischen 4 und 8 kHz. Zum Teil waren die Senken sehr ausgeprägt und wiesen Hörverluste von mehr als 50 dB auf. Unter Berücksichtigung der bekannten Schädigungsmuster muß man daher davon ausgehen, daß die überwiegende Mehrheit der beobachteten Hörschäden in dieser Altersgruppe schallverursachte Hörschäden sind.

Die Stellung der Musik in der Freizeitkultur Jugendlicher

Da die berufliche Laufbahn der jungen Erwachsenen noch am Anfang stand, bzw. bei den untersuchten Abiturienten noch nicht begonnen hatte, schied der Beruf als Grund für die Hörschäden aus in dieser Altersklasse aus. So stand bei der Suche der Freizeitbereich im Mittelpunkt. In der Diskussion der möglichen Ursachen für diese schallverursachten Hörschäden bei jungen Erwachsenen wird die Musik meist an erster Stelle angeführt. Aber ist die Musik wirklich so schädlich für das Gehör?

In unserer Befragung bitten wir um eine Nennung der Hobbys und um eine Einschätzung der Schallbelastung auf einer 5-stufigen Skala von 1 (= sehr leise) bis 5 (= sehr laut). An erster Stelle bei den Freizeitbeschäftigungen führt mit deutlichem Vorsprung der Besuch von Discotheken. Diese sind ein obligater Bestandteil in der Freizeitkultur junger Menschen. In der Hitliste folgen dann Fußball spielen, Computer, Auto und Motorrad, Fahrrad fahren und Lesen.

Nahezu 80% der Jugendlichen gehen regelmäßig in Discos. Diese bilden einen wichtigen Treffpunkt, bieten den geeigneten Rahmen, sich und seine Kleidung zu präsentieren und stellen einen Ort dar der vielen Eltern etwas suspekt ist. Letzteres erhöht natürlich nur die Attraktivität. Untersuchungen haben übrigens gezeigt, daß die Disco entgegen der üblichen Meinung kein Ort ist, an dem viele Kontakte geschlossen werden. Ein Psychologe berichtete, daß eine Doktorandin ein Jahr lang die Besucher in Discos beobachtet hätte. Sie kam zu dem Ergebnis, daß die Männer und Frauen, die alleine eine Disco besuchten, diese im allgemeinen auch wieder alleine verlassen hätten.

Bezüglich der Schallbelastung waren die Discotheken gegenüber allen anderen Freizeitaktivitäten führend. Die Discobesuche bestimmen weitgehend die Schalldosis der Jugendlichen. Die von uns befragten jungen Erwachsenen gaben an, ungefähr seit ihrem 16. Lebensjahr einmal in der Woche eine Discothek aufzusuchen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug 4 Stunden. Die Schallbelastung während eines Discobesuchs ist enorm. Nach eigenen Messungen herrscht in einer typischen Discothek ein Dauerschallpegel von rund 103 dB. Zum Vergleich: Ein Preßlufthammer erzeugt einen Dauerschallpegel von rund 100 dB. Die Schalldosis, die hier ein Jugendlicher in 4 Stunden erhält, entspricht der Schallbelastung, die manch Arbeitnehmer an einem Lärmarbeitsplatz innerhalb einer ganzen Woche erhält. An einem einzigen intensiven Techno-Wochenende kann die Schalldosis einen Wert erreichen, die einer Schallbelastung von einem halben Jahr Arbeitslärm bei 85 dB entspricht.

Der Einfluß von Discobesuchen auf die Hörfähigkeit

Vergleichen wir auf diesem Dia die extremen Discogänger, die schon mehr als 2000 Stunden als 20-jährige in einer Discothek verbracht haben mit denen, die nie oder fast nie eine Discothek aufsuchen, so zeigt sich Erstaunliches. Dargestellt ist hier das Durchschnitts-Audiogramm der beiden Gruppen im Frequenzbereich von 250 Hz bis 16 kHz. Je weiter unten der Durchschnitt liegt, um so schlechter ist die durchschnittliche Hörfähigkeit dieser Gruppe. Erwarten würden wir natürlich, daß die Gruppe mit hoher Schallbelastung schlechter abschneidet, als die Gruppe die ihr Gehör nicht belastet. So meidet die hier gewählte Vergleichsgruppe nicht nur Discotheken, sondern benutzt auch keinen Walkman und geht nicht in Konzerte. Vergleicht man nun beide Gruppen, so stellt man fest, daß sich kein nennenswerter Unterschied findet. D.h. die extremen Discogänger hören nicht schlechter als die Musikmuffel. Durch die Befragung konnte ausgeschlossen werden, daß sich die Gruppe der Nicht-Discogänger gerade aus den Personen zusammensetzt, die keine Discos mehr besuchen, weil sie schon einen Hörschaden haben.

Ein typisches Beispiel für einen Vertreter der Gruppe mit sehr hoher Schallbelastung stellt das Audiogramm eines 19-jährige junge Mannes dar. Er geht 8 mal pro Monat für 3 bis 10 Stunden in die Disco und besucht zusätzlich noch 10 Heavy-Metal-Konzerte pro Jahr. Seine Hörfähigkeit ist perfekt und liegt im gesamten Frequenzbereich nahe der Nullinie. Und das hier ist nicht die lang gesuchte Ausnahme, sondern zu meiner eigenen Überraschung eher die Regel. Ich könnte Ihnen hier noch weitere Auswertungen unter den Aspekten "Walkman hören" und "Konzertbesuche" präsentieren. Die Ergebnisse sind vergleichbar, es fand sich nicht der gesuchte Musikeffekt. Ich kann Ihnen versichern, daß es bei Beginn der Studie nicht mein Ziel war nachzuweisen, daß bei den Schädigungsmechanismen die Musik nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ich war fest davon überzeugt, daß ich einen Musikeffekt finden werde.

So bleibt als Zwischenergebnis festzuhalten, daß einerseits viele Hörschäden bei jungen Erwachsenen zu beobachten sind, es aber andererseits keine Korrelation von beobachteten Hörschäden und Musikkonsum existiert.

 

Tinnitus und Musik

Die Frage, ob sie schon einmal Ohrgeräusche wie Rauschen oder Pfeifen gehabt hätten oder dauerhaft haben, bejahten gut die Hälfte der von uns befragten jungen Erwachsenen. Bei der überwiegenden Mehrheit waren diese Ohrgeräusche vorübergehend, bei 4% der Tinnitusbetroffenen jedoch permanent. Im Gespräch stellte sich heraus, daß die vorübergehenden Ohrgeräusche von den meisten als ganz normal empfunden werden. So hörte ich des öfteren den Satz: Daß es nach der Disco oder nach einem Konzert im Ohr pfeift, ist doch ganz normal, oder? Wenn es nicht pfeift war es kein gutes Konzert. Auf die Idee, daß die Ohrgeräusche nach sehr hoher Schallbelastung ein Warnzeichen der Hörzellen darstellen könnten, kommt kaum jemand. Da diese Ohrgeräusche meist nach kurzer Zeit auch wieder verschwinden, werden diese nicht als bedrohlich erlebt, sondern bilden nur eine normale Begleiterscheinung.

Es zeigt sich eine deutliche Beziehung zwischen den Ohrgeräuschen und der Musik. Während insgesamt 53% angaben, schon einmal Ohrgeräusche gehabt zu haben, waren es 59% der Discobesucher, 64% der Konzertbesucher, 68% der Walkmanhörer und 73% der Personen die alle drei Aktivitäten gerne ausüben.

 

Das Knalltrauma als Ursache für bleibende Hörschäden

Bei der Suche nach möglichen Ursachen für die beobachteten Hörverluste fiel auf, daß die Hälfte aller Befragten angab, ein Knalltrauma erlitten zu haben. Ein sogenanntes Knalltrauma zeichnet sich durch zwei Hauptsymptome aus: Unmittelbar nach einem lauten Knall verspürt der Betroffene einen deutlichen Hörverlust und empfindet entweder sofort oder nach einem gewissen zeitlichen Abstand ein Rauschen oder Pfeifen im Ohr. Als häufigste Ursachen für ein derartiges Knalltrauma wurden Silvesterböller und Schreckschußpistolen genannt. Aus der vielfältigen Welt der Knalle herausgreifen möchte ich hier noch die Ohrfeigen. In manchen Kreisen gelten Ohrfeigen immer noch als ein probates Erziehungsmittel. Durch den plötzlichen Verschluß des Ohres mit der flachen Hand kann eine Ohrfeige einen bleibenden Hörschaden nach sich ziehen. Unabhängig von der sonstigen Bewertung dieses Erziehungsmittels sollte auf Ohrfeigen schon allein aufgrund einer möglichen dauerhaften Schädigung des kindlichen Gehörs verzichtet werden.

Das hier projizierte Audiogramm zeigt deutlich die Folgen eines Knalles. Dieser 21-jährige Abiturient berichtete von der Explosion eines Silvesterböllers in der unmittelbaren Nähe des rechten Ohres. Eine ärztliche Behandlung suchte er, so wie die Mehrheit der Betroffenen, nicht auf. Auch dies ist ein Zeichen dafür, daß die Gefahr von Hörschäden und die Folgen eines Hörschadens meist deutlich unterschätzt werden. Im Hörtest zeigte sich auf dem rechten Ohr ein in der Form ganz typischer einseitiger Hörverlust. Das Maximum dieses Hörverlustes lag bei 8 kHz, der Hörverlust betrug an dieser Frequenz 65 dB. Durch die Einbeziehung des erweiterten Hochtonbereiches wird hier der Senkencharakter des Hörverlustes deutlich. Hätte man hier nur bis 8 kHz gemessen, so wäre man von einem reinen Hochtonabfall ausgegangen.

Dieser deutlich ausgeprägte Hörverlust steht in einer starken Diskrepanz zu der Tatsache, daß es unter jungen Menschen immer noch als guter Scherz gilt, einen Böller so zu zünden, daß er möglichst neben dem Ohr des Opfers explodiert.

 

Spielzeugpistolen gefährden das kindliche Gehör

Bei unseren Recherchen stießen wir auch auf Spielzeugpistolen. Insbesondere in der Faschingszeit ziehen die kleinen Cowboys mit Spielzeugpistolen bewaffnet durch die Straßen und schießen um die Wette. Die Knallpistolen werden mit dem Aufdruck: "Nicht für Kinder unter drei Jahren" in jedem Spielzeuggeschäft für wenig Geld verkauft.

Seit Herbst letzten Jahres haben wir mit einem speziell konstruiertem Meßsystem die Spitzenpegel der Spielzeugpistolen gemessen und von Hörschäden betroffene Kinder befragt und audiometriert. Wir fanden deutliche Hörschäden, verursacht durch handelsübliche Spielzeugpistolen. Zum Teil lagen die von einem Knalltrauma betroffenen Kinder tagelang im Krankenhaus und wurden mit Infusionen behandelt. Zurück blieb neben dem Hörschaden auch zum Teil ein dauerhafter Tinnitus.

Bei unseren Messungen haben wir mit einem für Knallmessungen konstruiertem Kunstkopf typische Spielsituationen nachgestellt. Ins Gewicht fällt hier insbesondere der worst case: Ein Kind hält dem anderen die Pistole direkt ans Ohr und drückt ab. Einen solchen Knall sehen Sie hier dargestellt. Die Spielzeugpistole wurde in unmittelbarer Nähe des Kunstkopfes abgefeuert. Der Spitzenpegel bei dem hier aufgezeigten Druck-Zeitverlauf beträgt 186 dB. Zum Vergleich: Ein Preßlufthammer erzeugt einen Dauerschall von ca. 100 dB, in einer Disco sind es im Mittel ungefähr 103 dB, das Bundeswehrgewehr G3 erreicht am Ohr des Schützen einen Spitzenpegel von ca. 168 dB. Die von uns gemessenen Spielzeugpistolen übertreffen dies alles bei weitem. Und das sogar im Einklang mit den derzeit geltenden Spielzeugnormen. Hier wird die Hörschädigung zumindest billigend in Kauf genommen. Ein Kind möchte mit seiner Spielzeugpistole seinen Spielpartner zwar erschrecken, aber nicht dauerhaft schädigen. Wir fordern daher vernünftige Grenzwerte für Spielzeugpistolen, so daß das kindliche Gehör vor bleibenden Hörschäden geschützt wird. Insbesondere bei jungen Kindern bleiben derartige Schäden oft unentdeckt und unbehandelt, da diese sich nicht adäquat äußern können und die Eltern die Gefahr nicht immer erkennen und entsprechend bewerten.

Die Gefährdung des Gehörs durch Knalle

Auf der nächsten Abbildung sehen sie weitere Hinweise auf die Herkunft der beobachteten Hörschäden. Bei der Ursachenabschätzung sind zunächst einmal die 37% zu nennen, bei denen der Hörschaden höchstwahrscheinlich nicht auf ein Schallereignis zurückzuführen ist. Dies betrifft die Gruppe der Tieftonhörverluste als auch der Mitteltonhörverluste. Bei den Hochtonsenken, die als typischerweise schallverursacht gelten, fällt auf, daß die überwiegende Mehrheit dieser Hörverluste einseitige Hörschäden sind. Einseitige Hörschäden sind ganz typisch für knallverursachte Hörverluste, da bei einem lauten Knall meist das dem Knall zugewandte Ohr deutlich stärker geschädigt wird. Natürlich kann ein Knall auch beidseitige Hörschäden verursachen, wenn er mehr vorne oder hinten lokalisiert ist. Bei Discos, Walkman und Konzerten würde man dagegen in der Regel beidseitige Hörschäden erwarten, da die jungen Menschen ja mit beiden Ohren in die Disco gehen. Da die einseitigen Hörschäden deutlich überwiegen, spricht sehr viel dafür, daß die sehr häufig zu beobachteten Hörschäden eher durch Knalle verursacht sind.

So kann man feststellen, daß die Wirkung von lauter Musik auf das Ohr im allgemeinen eher überschätzt wurde, während die Wirkung von Knallen meist eher unterschätzt wurde.

Das Gefährliche an den Knallen ist, daß sie fast immer unvermutet kommen und des daher sehr schwer ist, sich vor ihnen zu schützen. Ein Knall kann in einer tausendstel Sekunde einen lebenslangen Hörschaden verursachen.

Das Risiko für Schwerhörige ist bei den Knallen besonders hoch. Zum einen hat ein Schwerhöriger weniger Chancen, ein Ereignis das zu einem Knall führen kann akustisch zu orten. Zum anderen kann ein weiterer Hörverlust den Schwerhörigen ganz empfindlich treffen. Positiv zu erwähnen ist hier nur, daß bei Knallen ein Hörgerät zum Teil wie ein Hörschutz wirkt kann. Die hohe Druckspitze wird durch den eingebauten Limiter abgeschwächt und das Ohrpaßstück kann den Schall wie ein Ohrenstöpsel weiter dämpfen. Die Gefahr, durch einen Knall den kostbaren Hörrest zu gefährden, ist jedoch nicht zu unterschätzen.

Schlußfolgerungen und Konsequenzen

Kommen wir nun zu den Schlußfolgerungen und Konsequenzen. Junge Menschen widmen ihrem Gehör im allgemeinen nur wenig Aufmerksamkeit. Es ist ein Sinnesorgan, das anscheinend ganz selbstverständlich funktioniert und über das sie sich deshalb auch keine Gedanken zu machen brauchen.

Ohne Wertschätzung des eigenen Gehörs ist jedoch ein einfühlsamer Umgang mit den Problemen Schwerhöriger nicht möglich. Solange das eigene gesunde Gehör nichts wert ist, bedeutet auch der Verlust dieses Gehörs nicht viel. Ein Verständnis für die Konsequenzen eines Hörverlustes und die damit verbundenen Einschränkungen für einen Schwerhörigen setzt deshalb zuerst eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gehör voraus.

Aus diesem Grunde sehe ich es als ein sehr wichtiges und entscheidendes Ziel an, Kinder und Jugendliche von klein auf über dieses leistungsfähige und wertvolle Sinnesorgan Ohr zu informieren. Die Information kommt aber nur an, wenn sie attraktiv und zielgruppengerecht ist. Beginnen sollte diese kindgerechte Information schon im Kindergarten. Denn dort lauern insbesondere in der Faschingszeit, wenn die kleinen Cowboys auf die Straßen gehen die ersten Gefahren.

Im Rahmen einer Diplom-Arbeit entstand ein sehr schönes Kinderbuch über das Ohr. Es erzählt einfühlsam und informativ die Geschichte der Hörzelle Hörbert. Es ist leider noch nicht als Kinderbuch veröffentlicht. Das kennt das Gehör keine Milchzähne, die später ausfallen, ersetzt werden und jedem beim Zähneputzen eine zweite Chance geben. Deshalb gilt es frühzeitig das Gehör zu schützen.

Während der Schullaufbahn sollte den Schülern immer wieder mit guten Lehrmitteln das Gehör nahe gebracht werden. Hierzu zählt auch ein regelmäßiger Hörtest, den die Schüler erklärt bekommen und der ihnen eine Rückkopplung über ihre eigene Hörfähigkeit gibt. Diese Funktion wird von den Screening Hörtests, wie sie vor der Einschulung eingesetzt werden, nicht erfüllt.

Die Arbeitsgruppe Hörforschung hat für den Einsatz bei jungen Menschen eine Simulation der Schwerhörigkeit entwickelt. Den Verlust des Augenlichtes kann man durch das Schließen der Augenlider schnell simulieren. Unsere Ohren haben keine Lider und auch Ohrenstöpsel dämmen nur einen Teil der akustischen Eindrücke. Um eine Schwerhörigkeit unmittelbar erlebbar zu machen, setzen wir eine Akustik-Workstation mit speziell entwickelter Software ein. Die Simulation berücksichtigt nicht nur den Hörverlust, sondern auch den veränderten Lautstärkeeindruck, das Recruitment, wie er bei vielen Schwerhörigen auftritt. So kann jeder Sprache und Musik mit den Ohren eines Schwerhörigen hören. Als Tonbeispiele verwenden wir aktuelle Musik aus den Hitcharts.

Jugendliche sollen anhand ihrer eigenen Musik erleben, welch einschneidende Folgen der Hörverlust hat. Wird die Akustik-Workstation mit einem Kunstkopf gekoppelt, ist eine Live-Simulation der Schwerhörigkeit möglich, die den Verlust der räumlichen Wahrnehmung bei einer Schwerhörigkeit eindrucksvoll demonstriert. Nach diesen Vorführungen habe ich schon viele nachdenkliche Gesichter gesehen.

Ich wünsche mir, daß insbesondere junge Menschen den Wert ihres Gehörs erkennen und dann aus eigenem Interesse auf ihre Hörfähigkeit achten, verantwortungsbewußt mit ihrem eigenen Gehör und dem Gehör des Nächsten umgehen und aus diesem Hintergrund heraus auch ein offenes Ohr für die spezifischen Probleme von Schwerhörigen haben.

 

Literatur:

Hoffmann, E. (1997): Hörfähigkeit und Hörschäden junger Erwachsener, Heidelberg: Median-Verlag,