Uta Eckholdt:
Meine Erfahrungen als schwerhörige Mutter

Mein Name ist Uta Eckoldt, ich bin 32 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei kleinen Söhnen. Mein großer Sohn Sebastian ist 31/2 Jahre alt und mein kleiner Sohn Lorenz 1 Jahr und drei Monate. Zur Zeit bin ich im Erziehungsurlaub, vorher arbeitete ich als Radiologieassitentin.

Mein Mann ist seit 10 Jahren selbständiger Bauingenieur, er führt ein Statikbüro, das mittlerweile 5 Mitarbeiter zählt.

Vor vier Jahren bauten wir ein Bürohaus in einem kleinen Dorf in der Nähe von Erfurt, in dem wir heute leben, arbeiten, streiten und lieben. Wir fühlen uns wohl auf dem Lande, genießen in den wenigen freien Stunden unseren kleinen Garten und sind froh, daß die Kinder hier den nötigen Freiraum für Spiele und Freunde finden. Mittlerwile gehört auch eine Katzenmutti mit ihrem Kind zu uns.

Wenn ich mit meinen beiden Buben spazierengehe, drehen sich die Leute lächelnd um: die roten Haare meiner Jungen leuchten weit und die Stimme meines dreijährigen Sohnes Sebastian hat einen großen Lautpegel. Und diese Stimme versagt nie. Laut, scheppernd ,fröhlich, heiser und unbekümmert wird alles und jeder kommentiert. Ich erinnere mich ganz deutlich an den ersten Lebenstag von Sebastian auf der Entbindungsstation. Der Arzt sagte zu mir: " Frau Eckoldt, der liebe Gott hat Ihrem Sohn eine Stimme gegeben, die auch Sie hören."

Das ist so geblieben und entsprechend fallen wir überall auf. Gestern war ich mit ihm beim HNO-Arzt. Meine Vermutung stimmte. Schreiknötchen auf den Stimmbändern. "Hier hilft nur Sprachhygiene" , meinte der Arzt "Leise sprechen und langsam".

Das wird wohl nicht gehen, denn ich denke oft, er spricht unseretwegen so laut und auch deutlicher als andere Kinder seines Alters.

Mein kleiner Sohn Lorenz (1 Jahr alt) erscheint mir als gemäßigte, friedlichere Ausgabe vom Großen.

Auch wenn ich manchmal stöhne über meine wilden Söhne, den ewig unordentlichen Zustand der Wohnung und den nur wenig anwesenden Familienvater, so bin ich ja im Innersten glücklich und ausgefüllt und Gott sehr dankbar, daß ich die Mutterschaft doch noch erleben durfte.

Denn der Weg dahin war lang und voll schmerzhafter Erfahrungen.

Mit 27 Jahren wurde ich das erste Mal schwanger. Das Traumwunschkind hatte sich angemeldet! Ich wußte bereits in der 4.Woche, daß ich ein Kind in mir trug. Es folgten zwei wunderschöne Monate.

Doch in der 14.Woche hörte das kleine Herz meines Kindes einfach auf zu schlagen. Und ich mußte lernen, daß die Medizin grausam sein kann. Daß mein Kind -Hoffnung, Zukunft, Traum- kein Kind war, sondern ein Abgang, ein Embryo, eine normale Sache einfach.

Und nie vergesse ich den Moment, in dem sich der Arzt - selbst hörgeschädigt - zum Fenster dreht und alles zur Straße hin spricht. Mein Mann und ich in unserer großen Angst - dann ein Arzt, der uns nur den Rücken zukehrt, nicht eine Geste des Mitgefühls fand.

Dieser Alptraum setzte sich im katholischen(!) Krankenhaus fort. Ich wurde behandelt, als hätte ich mein drittes oder viertes Kind abgetrieben. Die Seelsorge bestand in 5 Minuten abendlicher Andacht über Lautsprecher, die ich sowieso nicht verstehen konnte. Ein freundliches Wort fand in dieser einen knappen Woche niemand. Vielleicht wollte ich aber auch keine hören.

Diese endlosen Nächte im Krankenhaus sind mir allgegenwärtig, die werde ich nicht los. Auch nicht die Trauer um mein Kind, das nicht leben durfte. Wie oft mag ich Gott wohl gefragt haben, warum er mir auch noch das Kind nehmen mußte? Mit 12 Jahren verlor ich mein Gehör, meine Jugend verlief ungleich steiniger als bei anderen in meinem Alter. Zwischen dem ersten Mann, zu dem ich mich hingezogen fühlte und mir verlief eine unüberwindbare Grenze zwischen Ost und West. Warum noch diese Strafe? Und was konnte mein Kind dafür?

Bei Gott fand ich keinen Trost, keinen Halt. Ich suchte einen Platz für meine Trauer, für meine Wut, für die Leere, ich sehnte mich wenigstens nach einem klitzekleinen Grab. Doch nichts. Einfach ein Nichts.

Es folgte eine lange Zeit, in der nichts mehr gelang. Ich konnte nicht verstehen, wie mein Mann arbeiten, fast normal leben konnte. Das habe ich ihm lange nicht verziehen.

Und plötzlich ergab sich die Möglichkeit, als Röntgenassistentin in einer privaten Tagesklinik zu arbeiten. Ich griff zu, fand neue , nette Kolleginnen, kompetente Ärzte als Chefs und begann, an meinem ursprünglich gelernten Beruf, den ich aber bis dahin noch nie ausgeübt hatte, Gefallen zu finden.

Dann hatte ich meinen 3. Hörsturz. Nach 14 Tagen im neuen Job. Nun war ich links ganz gehörlos, rechts blieb noch ein Rest von ca. 15 % Hörvermögen.

Die HNO-Ärzte rieten mir: "Hüten Sie Ihr Restgehör, keine Zigaretten, kein Alkohol, kein großer Streß und vor allem keine Schwangerschaft, diesen Hormomumschwung verkraftet Ihr Gehör nicht!".

Aber irgendwie interessierte mich das nicht wirklich. Ich rauchte, ich trank meinen geliebten Rotwein und nach 6 Wochen im Dienst mußte ich meinen armen Chefs erklären: "Ich erwarte ein Kind!".

Die ersten Wochen der Schwangerschaft waren ein Wechselbad der Gefühle. Die Angst, sich zu früh zu freuen, wechselte sich ab mit neuer Hoffnung. Aber ich hatte eine fröhliche Frauenärztin, die mich gut begleitete und meine Kolleginnen, die mich immer und überall unterstützten.

Ich konnte sogar wieder in eine Kirche gehen. Ich war im 8. Monat schwanger, als ich in dem Dorf, in das wir neu gezogen waren, spazierenging. Die Kirche stand offen und ich ging hinein. Es war niemand da, ich konnte ganz allein sein mit Gott. Ein Zettel hing am Brett, mit Stift: " Ich bete heute für...".

Ich habe für mein Kind gebetet, daß es diesmal leben darf. Und ich habe für das Kind gebetet, das nicht leben durfte. Das noch heute einen Teil meines Inneren mit Trauer ausfüllt, denn jedes Kind ist einzigartig und meine beiden Söhne sind nicht anstelle des ersten da.

Dann kam der Pfarrer. Er sprach mich an und seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, diesmal von einem Vertreter der Kirche verstanden zu werden. Es gab kein großes Gespräch, es war einfach ein Gefühl und es war einfach da. Und plötzlich war es mir ganz wichtig, mein Kind Gott anzuvertrauen. Ich vereinbarte mit dem Pfarrer einen Tauftermin, den Johannistag des nächsten Jahres.

Ich bereitete alles für Sebastians Ankunft vor. Meinen Mann nervte ich solange, bis im 7. Schwangerschaftsmonat der Kinderwagen dastand. Alle Strampler, Hemdchen und Windeln waren gewaschen. Unmengen an Literatur über Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege trieben meinen Mann an den Rand des Wahnsinns.

Fehlte nur noch eins: die Babyrufanlage, ich mußte ja alles fertig haben, denn wenn das Kind dann da wäre, wollte ich ja nur für es da sein und keine lästigen Wege mehr erledigen müssen. Ich ging also zur Krankenkasse und fragte nach der Anlage. Und bekam einen Schlag mitten ins Gesicht. Die junge, hübsche, gepflegte Angestellte sagte nämlich nur : "Da müssen wir erst mal abwarten, ob es eine Lebendgeburt wird. Wenn das so ist, kommen Sie zu uns und dann bekommen Sie alles ganz schnell. Das müssen Sie verstehen, wir dürfen die Anlage nicht zurück nehmen."

Nein, das habe ich nicht verstanden. Ich habe gar nichts mehr verstanden in dem Moment. Nur noch raus an die frische Luft!

Die Angestellte hatte bestimmt ihre Vorschriften und ganz gewiß hatte sie noch kein Kind verloren. Aber mußte sie es so deutlich sagen? Dieser einfach gedankenlose Satz hat alle Ängste für Wochen wieder hervorgeholt.

Die Geburt von Sebastian war ein langer, zäher Ringkampf mit der Natur. Ob ich Angst hatte, ihn doch noch zu verlieren - ich weiß es nicht. Ich weiß nur, als ich ihn endlich sehen konnte, war er tiefblau. Die Hebamme verließ sofort mit ihm den Raum, obwohl sie ihn mir auf den Bauch legen wollte. Das gleiche Gefühl wie beim Verlust des ersten Kindes füllte mich aus, denn ich hörte ihn nicht schreien, auch er begrüßte sein Leben nicht!

Selbst mein Mann neben mir begriff meine Panik nicht , daß ich meinen Sohn nicht hören konnte, Denn längst war alles normal, Sebastian schrie schon lange - nur ich hörte ihn nicht.

Als ich ihn dann endlich im Arm hatte, normalisierte sich wieder alles. Mein Gehör erholte sich schnell wieder. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich in dem Moment auch nur die geringste Sorge um eine bleibende weitere Verschlechterung meines Gehörs spürte, wie schon während der ganzen Schwangerschaft nicht.

Sebastian entwickelte sich zu einem vergnügten, freundlichem Baby. Am Tag kämpfte ich mit den gleichen Schwierigkeiten wie jede guthörende Mutti auch. Die erste Zeit mit einem Baby ist für alle aufregend, spannend und anstrengend. Die Nächte gestalteten sich wesentlich schwieriger.

Unzählige Male schlich ich ins Kinderzimmer und kontrollierte die Babyrufanlage; schlief er länger als gewöhnlich ( ich stillte ihn nach Bedarf) stand ich in Hab-Acht-Stellung neben ihm. Drei-oder Viermal habe ich ihn geweckt in der Angst, er atmete nicht mehr.

Nach drei Monaten hatte ich das gründlich satt und nahm Sebastian zu mir ins Bett. Mochte die Mütter- und Schwiegermüttergeneration sagen, was sie wollte!

Von nun an verliefen die Nächte ruhiger, denn Sebastians kleine Hände konnten mir sagen , wenn etwas fehlte. Noch heute schlafe ich mit Hörgerät, wenn eines der Kinder krank ist.

Irgend etwas in mir ignoriert die Techniksicherheit, ich rechne heimlich immer mit Stromausfall oder Ähnlichem.

Im Nachhinein denke ich, daß Sebastians Schlafprobleme zum Teil durch die Babyrufanlage hervorgerufen wurden. Denn wenn die Anlage blinkte, ging ich zum Kind und beruhigte es. Aus dem Tiefschlaf herausgerissen, ohne Hörgerät nicht hörend, ob er im Schlaf nur meckerte oder wirklich weinte, gab ich ihm seinen Nuckel und zog mir ein echtes Nuckelkind heran. Er bekam gar keine Möglichkeit, sich selbst zu beruhigen.

Als eine recht belastende Schwierigkeit entpuppte sich später der Spielplatz. Es war mir unmöglich, mich in Kindergeschrei mit anderen Muttis zu unterhalten. Da Sebastian aber ein sehr kontaktfreudiges Kleinkind war, bin ich ihm zuliebe immer wieder hinmarschiert. Und irgendwie kristallisierten sich da Freundschaften heraus. Die Sympathie der Kinder übertrug sich auf die Mütter. Im kleinen Kreis kann ich mich ja noch ganz gut unterhalten und auch mal die Sorgen und Erfahrungen der anderen Mütter verstehen.

Leider werde ich jetzt bei Kinderlärm immer empfindlicher und es fällt mir immer schwerer, auf andere Kinder einzugehen. Ich hoffe, daß das wieder vorbeigeht, wenn Lorenz mich nicht mehr jede wache Minute in Anspruch nimmt.

Die zweite Schwangerschaft verlief fast unbemerkt im Vergleich zur ersten. Sebastian war reichlich 1 ½ Jahre alt, als sich mein zweites Wunschkind anmeldete.

Für die ganzen Sorgen und Nöte der ersten Schwangerschaft blieb einfach keine Zeit. Zu lebendig raste Sebastian durch den Tag, forderten mich Haushalt, ein wenig Gartenarbeit und ein paar Stunden Buchhaltungsarbeit im Büro meines Mannes.

Die zweite Schwangerschaft setzte neue Akzente, irgendwie fühlte ich sie ganz als "meine Schwangerschaft", nicht, wie bei Sebastian als " unsere" und ich verteidigte dieses Gefühl auch recht verbissen.

Wieder ignorierte ich mein eigenes Gehör, machte einen großen Bogen um alle HNO-Ärzte und wieder ging alles gut.

Als ich in der 20. Woche erfuhr, daß auch mein zweites Kind ein Junge sein wird, wechselte eine ganz leichte Enttäuschung schnell mit der Erkenntnis, daß meine Otosklerose ja doch viel häufiger auf Mädchen vererbt wird und ein Junge viel größere Aussichten auf ein gutes Gehör hat.

Organisatorische Probleme überwogen die seelischen, wo bleibt Sebastian während der Geburt, wird er sehr eifersüchtig sein? Blieb noch das Problem der Nacht. Farbiges Blinklicht? Rotes Licht- Sebastian, grünes Licht- das kleine Kind? Das ging wohl kaum. Wie sollte ich mitbekommen, welches Kind mich braucht?

Die Nächte habe ich lange vorbereitet. Sebastian erbte glücklicherweise ein Hochbett, welches er so interessant fand, das er aus meinem Bett zumindest zeitweise auszog. Ich versuchte, ihn so weit zu bekommen, daß er nachts den Weg zum elterlichen Bett allein fand. Das klappte auch recht gut.

Die Schwangerschaft selbst erlebte er vom ersten Tag an mit. Abends taten ihm wie mir die Beine weh, auch sein Rücken schmerzte. Er mußte ebenso wie ich viel Obst essen und beim gemeinsamen Bad registrierte er den wachsenden Bauch.

Die Geburt von Lorenz verlief wie die ganze Schwangerschaft : schnell und komplikationslos. Ihn hörte ich sofort schreien, konnte ihn gleich so begrüßen auf dieser Welt, wie ich es mir immer wünschte.

Sebastian begutachtete seinen kleinen Bruder voll Neugier und Überschwang. Sofort wurde es "sein Lorenz" und ist es bis heute geblieben.

Die Nächte zu Hause brachten eine Überraschung: meine monatelange Vorbereitung erwies sich als überflüssig.

Lorenz schlief in seinem Körbchen und Sebastian wieder bei mir. Und Sebastian funktionierte besser als die Babyrufanlage. Ich konnte mich auf ihn verlassen, er weckte mich immer, wenn der Kleine weinte. Zumindest in der allerersten Zeit mit seinem Bruder. Nach 3 Monaten schlief Sebastian leider unbeeindruckt von nächtlichem Geschrei einfach durch. Auch das Blinken des Blitzweckers stört ihn nicht.

Mein Mann und ich werden regelrecht aggressiv, wenn das Ding losgeht und ewig dieses gemeine Blitzen nicht aufhört. Manchmal möchte ich schon wissen ,was die Dorfbewohner denken, wenn nachts das ganze Haus blitzt und leuchtet und dann wieder im Dunkel versinkt.

Als Lorenz 3 Monate alt war und nachts alle 2 Stunden Hunger hatte, bin ich einigemal nicht mehr vom Blinklicht wach geworden. Mein Mann besorgte mir einen Rüttelwecker. Ich wurde mitten im ersten Tiefschlaf von ihm erwischt: "Holt die Kinder raus!" konnte ich noch denken. Regelrechte Panik erfaßte mich. Ich habe ihn nie wieder benutzt.

Inzwischen sind die Nächte wieder ruhiger. Wenn der Kleine gesund ist, schläft er durch. Der Große kommt alleine, wenn er nachts Angst hat.

Im letzten Herbst feierten wir die Taufe von Lorenz. So, wie ich es mir gewünscht hatte : mit den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe ECHO und der Familie. Pastorin Elisabeth Becker gestaltete die Feier sehr liebevoll und ich denke ,die Feier für dieses winzige Menschenkind hat eine kleine Brücke geschlagen zwischen vielen erwachsenen Schwerhörigen ohne eigenen Familie und unseren eigenen Familien, die recht wenig Einblick in die Welt der Schwerhörigen haben.

Inzwischen hatte Lorenz seinen ersten Geburtstag, macht die ersten zaghaften Schritte und hängt den ganzen Tag an meinem Hosenbein.

Ausgesprochen anstrengend empfinde ich die Morgenstunden. Beide Jungen sind echte Morgenmuffel und hassen das Anziehen. Wenn mein Kaffee noch nicht fertig ist und der eine nur meckert und der andere nur quengelt, dann kann es schon mal passieren, daß ich mein Hörgerät noch mal ausschalte. Denn unser Tag beginnt früh: 5-5.30 Uhr geht es los.

Nächste Hürde: meine Morgendusche. Da ich ohne Hörgerät praktisch taub bin, kann ich Sebastians Endlosfragen nicht beantworten, höre ich nicht, ob der Kleine inzwischen wieder umgefallen ist und Trost braucht- ehe ich unter die Dusche komme, bin ich noch 5x in das Wohnzimmer gelaufen, habe noch 3x das Hörgerät wieder angestellt und bin froh, wenn dann endlich das Wasser rauscht.

Meine Söhne lieben sich sehr - eigentlich vom ersten Tag an. Wenn das so bleibt, dann wächst aus der Bruder- eine echte Freundschaft. Vor dieser Zeit habe ich etwas Sorge, denn die beiden werden zusammenhalten und tuscheln und flüstern. Sie können gut flüstern, denn beide hören gut, gleich nach der Geburt habe ich das nachprüfen lassen.

Spielen die beiden im Kinderzimmer und es gibt Krach, kann ich leider nicht unterscheiden- ist es fröhlich oder ärgerlich? So schaue ich nach und greife bestimmt viel zu häufig und zu früh ein.

Wenn ich den Kinderwagen vom Baby schiebe und mein Großer mir dabei hilft, weil ich es sonst nicht schaffe -sagt er - dann ertappe ich mich oft dabei, daß Sebastian auf der Straßenseite geht,weil ich ja nur rechts hören kann. Und da mein Sohn ja immer was zu erzählen hat, geht er von sich aus schon auf die rechte Seite. Fällt es mir endlich auf, schicke ich ihn auf die andere Seite, aber es dauert nicht lange und er ist wieder da, wo er immer ist : rechts.

Und er sagt mir auch, wenn wieder "so ein Blödmann viel zu schnell angedüst kommt" - unsere Dorfstraßen sind teilweise sehr eng und die jugendlichen Raser recht unbekümmert. Zum Glück hat er große Angst vor Motorrädern und Autos und paßt gut auf.

Im Alter von etwa einem Jahr entdeckte unser Großer, daß seine Eltern Hörgeräte trugen. Und da mein Mann und ich beide hochgradig schwerhörig sind, geht ohne die Dinger auch nichts. Sebastian, der stets alles untersuchen mußte, die Hörgeräte ließ er in Ruhe. Ohne, daß wir es ihm auch nur einmal hätten sagen müssen. Im Alter von 1 ½ Jahren hielt er bei dem morgendlichen Weckakt dem jeweiligen Elternteil gleich das Hörgerät unter die Nase.

Und als ich ihn vor kurzem mal völlig entnervt fragte: "Warum hörst du denn nur nie, wenn ich dir was sage?" bekam ich die verblüffende Antwort unseres Dreijährigen :" Hat doch keine Batterie für mein Hörgerät mehr."

Nun Lorenz ist gerade dabei, die Sache mit den Hörgeräten auszuloten. Daß da was Besonderes ist, hat er schon registriert.

Im Großen und Ganzen glaube ich, daß die Probleme, die Sorgen und auch die vielen Freuden einer schwerhörigen Mutter fast gleich sind wie die einer guthörenden. Es strengt einfach an, niemals eine Mahlzeit zu Ende zu bringen. Es nervt, wenn der Dreijährige im großen Einkaufsmarkt erklärt: "Mama, ich laufe nur mal schnell weg!" und man kann nicht hinterher, weil der Einjährige im Einkaufswagen schon zur Seite hängt und nur noch nach Hause will. Sebastian hat so was gut drauf. Einmal nickte er mir noch ganz beruhigend zu: "Komme gleich wieder!" Manchmal glaube ich, er hat deswegen seinen leuchtend roten Haarschopf. Wenn ich ihn schon nicht gut höre, so sehe ich ihn doch wenigstens schon von weitem.

Und es ist ebenso lustig wie lästig, wenn der Sprößling gegen 22.00 Uhr fragt." Mama, du bist doch mein Freund?" und auf mein vorsichtiges "Ja." erleichtert meint:" Dann gehe ich schon mal in dein Bett, bin auch leise und mache den Lorenz nicht wach."

Es ist lehrreich zu wissen , daß die Kinder keine blaue Hose oder einen roten T-Shirt mehr tragen. Die Hose ist cool und der T-Shirt ist scharf. Und wehe, Mutti verwechselt das!

Am anstrengendsten finde ich die Trotzattacken vom Großen, der sich auch auf der Straße hinwerfen und endlos brüllen kann, weil er seinen Willen nicht durchsetzen konnte.

Ich denke, da meine Söhne uns als Eltern von Anfang an nur schwerhörig kennen, haben sie damit auch keine allzu großen Probleme. Sebastian fragte mal seinen Freund: "Wo hat denn deine Mama ihr Hörgerät?"

Für ihn ist es nur schwierig, etwas zu wiederholen, Geduld ist keine Tugend von Dreijährigen! Da flog gelegentlich auch mal ein Baustein durch das Zimmer, wenn ich gar nicht verstehen konnte. Auch das Problem des induktiven Hörens ist für ihn nicht greifbar, weder am Telefon, noch bei dem Fernseher. Mit der Zeit wird er das schon begreifen und mein Mann wird ihm die nötigen technischen Einzelheiten erläutern. Sein ewiges Geplapper ist für mich beim Autofahren absolut unverständlich. Da habe ich ihn mittlerweile soweit, daß er keine Antwort von mir erwartet, dafür ertrage ich seinen Redefluß.

Irgendwie habe ich das Gefühl, daß die Ehebeziehung, die Partnerschaft viel mehr unter der Schwerhörigkeit zu dulden hat als die Eltern-Kind- Beziehung.

Mein Mann hat sein Gehör während des Studiums verloren, ich in meinem 12. Lebensjahr. Unsere Umwelt wird auf unsere Behinderung nicht durch unsere Umgangssprache aufmerksam. Mein Mann und ich vergessen unsere Schwerhörigkeit einfach genauso und wundern uns, wenn der andere nicht die erwartete Reaktion zeigt.

Da wir ständig müde sind, findet keiner mehr die Geduld zum ruhigen Wiederholen, und schon gibt es einen handfesten Streit, für den wir komischerweise immer Energiereserven finden. Dauerexistenzstreß, jahrelange Überarbeitung von der Seite des Vaters, einseitige, nervige Belastung durch 2 Kleinkinder und Haushalt von der Seite der Mutter, ein ewiges Jonglieren mit der leeren Haushaltskasse - das sind keine guten Voraussetzungen für eine harmonische Partnerschaft, Probleme, die viele Familien kennen. Und dazu kommt dann noch die Schwerhörigkeit.

Da alles in Eile und Hektik abgesprochen wird, schleichen sich viele Mißverständnisse ein, die ungeklärt vor sich hin gären. Hier wirkt sich die Hörbehinderung viel störender aus als in der Eltern-Kind-Beziehung.

Ganz schwierig wird es mit unserem Hören, wenn wir in größeren Menschenmengen sind. Der uns umgebende Geräuschbrei macht meinen Mann so nervös, daß er es sofort auf die Kinder überträgt.

Mich stört das nicht so extrem, aber Freude an großen Volksfesten finden wir nicht. Auch im Freundeskreis haben wir dieses Problem, ich konnte aber feststellen, daß es eigentlich allen Eltern mit so kleinen Kindern unmöglich ist, ein zusammenhängendes Gespräch zu führen. Ich denke, da müssen wir einfach noch warten, bis die Kinder größer und selbständiger sind.

Fast am schönsten für mich als Mutter ist dieses Bild: mein Mann baut mit dem Großen einen Turm aus Holzbausteinen, der höher ist als er selbst und der Kleine darf ihn dann umwerfen.

Dieses Spiel lieben alle drei und ich misch mich da nicht ein.

Bei aller Hektik, sich jagenden Terminen, Stapeln ungebügelter Wäsche, unbegreiflich schnell wachsendem Unkraut - manchmal nehmen wir uns einfach eine schöne Stunde und wir gehen spazieren und dann drehen sich die Leute lächelnd um:

eine dunkle Mutti und drei Leuchtendrothaarige - meine drei Männer!

In diesen Stunden habe ich das gute Gefühl - wir vier sind eine Familie und gehören zusammen!