Jo Bolstad:
Die Kirche und die Schwerhörigen in Norwegen.
Eine kurze Übersicht

Die Hilfeleistungen der Kirche für Norwegens Schwerhörige sind verhältnismäßig neuen Datums und sind hauptsächlich der Initiative eines sehr schwerhörigen Pfarrers, Per Bogerud, zu verdanken. Vor ca. 40 Jahren sah er ein, daß er die Kirchenleitung auf die Schwierigkeiten der weitaus größten Gruppe aller körperlich Behinderten des Landes (heute sind es rund 350 - 400 000) und auf die Pflichten der Kirche ihnen gegenüber, aufmerksam machen müsse.

Während die kirchliche Fürsorge für Schwerhörige in unserem Land ziemlich neu ist, gibt es für Taube schon seit 1893 eine kirchliche, organisierte Tätigkeit. Sie verfügt heute über 7 eigene Pfarrer, einen eigenen Katechet und einen Diakon für die 3500 Tauben des Landes und ist in 4 - 5 Regionen eingeteilt, mit eigenen Taubenkirchen und eigenem Taubenvorstand in Oslo, Stavanger, Bergen, Trondheim und Tromsø. Die Kirchengemeinden bedienen sich der Zeichensprache, denn sie wollen eine Kirche für Taube und stark Schwerhörige sein, für die dies das natürlichste Verständigungsmittel bedeutet.

Verglichen mit dieser, bald hundertjährigen, gut organisierten kirchlichen Arbeit für Taube, müssen wir gestehen, daß die entsprechenden Bestrebungen für Schwerhörige weit zurückstehen, obwohl wir, dank der Pionierarbeit des Pfarrers Per Bogerud, auch in unserer Kirche in den letzten 30 - 40 Jahren einige wichtige und notwendige Fortschritte erlebt haben.

Da ich selbst schwerhörig und von Hörapparaten seit 30 Jahren vollständig abhängig bin, und diese Probleme sowohl aus eigener Erfahrung wie durch meine kirchliche Tätigkeit kenne, bin ich Pfarrer Bogerud sehr dankbar dafür, daß er mich seinerzeit in diese kirchliche Arbeit einbezog. Sowohl national wie international stellt sich eine ständig wachsende Herausforderung und Notwendigkeit dar, nicht zuletzt, weil die Schar der Schwerhörigen heutzutage - auch in Norwegen - immer größer wird.

Pfarrer Bogeruds Pionierarbeit führte dazu, daß die jährliche Konferenz norwegischer Bischöfe im Jahre 1964 einen Arbeitsausschuß ernannte, der einen gesammelten Plan für die kirchliche Arbeit für Schwerhörige vorbereiten sollte. Zu den Mitgliedern des Ausschusses zählten u. a. der Präsident des Landesverbandes für Schwerhörige (Hørselhemmedes Landesverbund - unsere humanitäre Hauptorganisation für Schwerhörige), Schulrat Reidar Klingberg, sowie der Audioakustiker Gordon Flottorp, unser führender und international anerkannter Sachkundige für Schwerhörigenprobleme. - Der Ausschuß, 1968 reorganisiert und erweitert, legte großes Gewicht darauf, die notwendigen Informationen über die Situation und den Bedarf der Schwerhörigen zu sammeln und zu übermitteln. Man veranstaltete u. a. in den siebziger Jahren im ganzen Land eine Reihe von Informationsseminaren für Angestellte des Fürsorge- und Gesundheitswesens, für Sozialarbeiter, Pfarrer, Diakone und andere Mitarbeiter der Kirche, sowie informative Vorträge an Ausbildungsstätten für Diakone und Theologen. Diese Tätigkeit hatte zum Ziel, das Verständnis für ein bisher versäumtes Gebiet kirchlicher Tätigkeit zu wecken und zu Einsatz zu ermuntern.

Der Ausschuß überreichte der bischöflichen Konferenz im Herbst 1971 seinen Bericht, der einen Plan für die Tätigkeit der Kirche unter den Schwerhörigen des Landes vorschlug. Dabei betonte man, daß die Verantwortung für Schwerhörige in erster Linie den lokalen Kirchengemeinden obliege. Ihre Aufgabe wäre aktive Information und Orientierung, u. a. über das bestehende Angebot von technischen Hilfsmitteln, die es ermöglichen, Schwerhörige soweit als möglich in die örtliche Kirchengemeinde zu integrieren. Auch die Bildung eigener Gruppen von Schwerhörigen, sowie Zusammenkünfte zählen zu den wichtigen Aufgaben. Im nationalen Maßstab macht der Ausschuß besonders darauf aufmerksam, daß Pfarrer, Diakonarbeiter, Krankenpfleger und andere kirchliche Gemeindearbeiter im ganzen Land Information und Orientierung über die Situation der Schwerhörigen benötigen. In seiner Konklusion schlägt der Ausschuß vor, eine eigene Pfarrer- oder Diakoniestellung zur Leitung dieser Arbeit zu errichten.

Hier heißt es u.a.: Eine nüchterne Beurteilung der notwendigen Dienste und Aufgaben hat, in der Meinung des Ausschusses klar gezeigt, daß in der heutigen Situation, wenn Schwerhörigen in unserer Kirche eine anständige Behandlung zuteil werden soll, eine zentrale kirchliche Stellung für diese Dienste eine Minimumsforderung darstellt. Der Ausschuß ist unbedingt der Meinung, daß die Stellung eines Pfarrers für die Aufgaben, um die es sich hier handelt, am besten geeignet ist. Deshalb will der Ausschuß seinen Vorschlag mit der Empfehlung beschließen, daß man so bald als möglich eine Stellung als Pfarrer für Schwerhörige in Norwegen errichte.

Auf Grund dieses Dokuments wurde die Empfehlung für die Stellung eines Leiters der kirchlichen Arbeit für Schwerhörige den öffentlichen Behörden vorgelegt, aber bisher hat man dies in Norwegen noch nicht getan.

Doch ist es erfreulich, ein wachsendes Verständnis -sowohl lokal wie zentral - für eine Verbesserung der Verhältnisse für Schwerhörige in den Kirchengemeinden zu erleben. - Als ein notwendiges Glied der kontinuierlichen Informationsarbeit gab der Ausschuß im Jahre 1972 ein Heftchen, „Kirken og de hørselssvekkede" („Die Kirche und die Schwerhörigen"), heraus. Es ist eine verkürzte, bearbeitete Ausgabe des Büchleins des erfahrenen deutschen Seelsorgers Monsignore Ferdinand Thiebe „Über die Seelennot der Schwerhörigen". Danach, 1983 und 1988, veröffentlichte die Leitung der norwegischen Kirche, Kirkerådet, zwei Broschüren, „Hører du hva jeg sier" („Hörst du was ich sage?") und „Kan du høre hva jeg sier?" („Kannst du hören, was ich sage?"), pädagogische Leitfäden für Kirchengemeinden, mit kurzen, aber guten Ratschlägen als praktische Hilfe bei der Arbeit für Schwerhörige. - In den letzten Jahren hat man in vielen unserer Kirchen Höranlagen mit Ringschleifen, sowie Lautsprecher installiert. - In dieser Verbindung gab das Kirchenministerium ein Informationsrundschreiben 1/1993, „Teleslyngeanlegg i kirkebygg" („Höranlagen mit Ringschleifen in Kirchenbauten") heraus, das zweifellos viel dazu beigetragen hat, die Qualität der kirchlichen Höranlagen zu verbessern.

Erfreulich ist auch, daß die Probleme der Schwerhörigen im Laufe der Zeit in den leitenden Organen der Kirche einen stärkeren und mehr bewußten Platz gefunden haben. Mich persönlich freut es besonders, daß mein eigenes Bistum, Tunsberg, 1993 der IVSS als korporatives Mitglied beitrat.

Ich hatte stets gehofft, daß auch unsere gesamte Kirche dies tun wolle, aber vorläufig kann ich mich jedenfalls darüber freuen, daß der Ratgeber der norwegischen Kirchenleitung, Kirkerådet, für diakonische Angelegenheiten nach und nach

eine mehr aktive Rolle in bezug auf die Verantwortung der Kirche für Norwegens Schwerhörige erhalten hat. Das gibt Hoffnung auf die Zukunft. Näheres darüber können meine beiden Referentkollegen berichten.