Käthe Rathke:
Selbsthilfegruppen von Schwerhörigen

Mein Name ist Käthe Rathke, ich bin Mitglied im Arbeitskreis der Arbeitsgemeinschaft der Hörgeschädigten Selbsthilfegruppen im Deutschen Schwerhörigen Bund (DSB).

Mit Schwerhörigkeit leben, aber wie ?

Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen.

Ich habe mein Referat in drei Rubriken unterteilt.

1. Selbsthilfe im Allgemeinen

2. Selbsthilfe und Hörschädigung

3. Selbsthilfe und Nachsorge

Vorausschicken möchte ich eine, in jahrelanger Gemeinsamkeit mit schwerhörigen und ertaubten Menschen, gemachte Erfahrung.

Das Leben mit der Hörschädigung könnte sich um ein vielfaches einfacher und sinnvoller gestalten, wenn Familie, Kirche und Gesellschaft die Behinderung annehmen, mehr Verständnis aufbringen und sich von Vorurteilen befreien würde.

Nicht die Hörschädigung ist das größte Problem der Betroffenen, viel gravierender ist die Interessenlosigkeit, die Gleichgültigkeit und Ignoranz ihres gesamten, sozialen Umfeldes. Was nutzen einem schwerhörigen oder ertaubten Menschen sein Wissen, seine Erfahrungen um seine spezifischen Bedürfnisse, wenn seine Umwelt zu ungeduldig ist ihm zuzuhören, zu bequem sich auf sein Verständigungsnieau einzulassen.

 

1. Selbsthilfe im Allgemeinen

Selbsthilfe entsteht immer dort, wo Menschen Notlagen aus eigener Kraft meistern.

Formen der Selbsthilfe finden sich bereits in den Mittelalterlichen Gilden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben Menschen Selbsthilfe in Genossenschaften verwirklicht und nach dem 2. Weltkrieg wurden Selbsthilfe Organisationen gegründet. Sie vertreten die Interessen von Menschen, die unter den Folgen von Krankheit und Behinderungen leiden.

Seit dem Ende der siebziger Jahre gibt es Selbsthilfegruppen in Deutschland. Ihre Mitglieder helfen sich gegenseitig, die ständigen Anforderungen im täglichen Leben zu meistern.

Die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe stehen in ähnlicher Lebenssituation.

Das Ziel ihrer gemeinsamen Arbeit ist die

--- Bewältigung sozialer, persönlicher oder krankheitsbedingter Belastungen

--- die persönliche Situation des einzelnen Gruppenmitglieds zu verbessern

--- seine sozialen Fähigkeiten zu stärken oder zu erweitern.

Die Methode von Selbsthilfegruppen ist das regelmäßige - meist wöchentliche - gemeinsame und gleichberechtigte Gespräch.

Menschen die in einer Selbsthilfegruppe arbeiten, stärken sich durch ihre vertrauensvolle Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern. Sie festigen ihr Selbstwertgefühl und lernen, ihre sozialen Beziehungen außerhalb der Gruppe zu verbessern.

Die positiven Wirkungen von Selbsthilfegruppen sind in Forschungsberichten und vielen Erfahrungsberichten beschrieben.

Die Mitglieder von Selbsthilfegruppen

--- leiden weniger unter Depressionen und seelisch bedingten körperlichen Beschwerden

--- sind selbständiger, selbstbewußter und

--- verfügen über bessere, soziale Kontakte als andere andere Menschen in vergleichbaren Situationen.

Chronisch kranke oder behinderte Menschen lernen in einer Selbsthilfegruppe:

--- ihre Erkrankung oder Behinderung anzunehmen und mit ihr zu leben

--- sie erobern sich eine neue Lebensqualität

--- nehmen professionelle Hilfsangebote gezielter und kritischer in Anspruch.

Die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe lernen voneinander und miteinander, wofür sie eine gemeinsame Vertrauensbasis brauchen. Aus diesem Grund verpflichten sie sich, in der Gruppe besprochenes nicht an Außenstehende weiter zu geben.

Jeder bearbeitet seine eigenen Schwierigkeiten gemeinsam den anderen durch das Gespräch , in der Gruppe hilft jeder jedem und so hilft die Gruppe dem Einzelnen.

Das A und O einer Selbsthilfegruppe ist also von Anfang an das „Gespräch".

Ganz anders in einer Gruppe Hörgeschädigter!!

Für sie ist es noch ein weiter Weg bis zum ersten, gemeinsamen Gespräch, bei dem Jeder Jeden versteht!!

 

2. Selbsthilfe und Hörschädigung

Eine Gruppe schwerhöriger und ertaubter Menschen muß zunächst die Voraussetzung zu einer gemeinsamen, allen Graden der Hörschädigung gerechten, Kommunikationsgrundlage schaffen.

Das also, > Das Gespräch < was bei anderen Selbsthilfegruppen ein selbstverständliches Mittel ist für die Arbeit und für das erreichen des Gruppenziels, ist bei einer Gruppe Schwerhöriger und Ertaubter das Ziel schlechthin!!

Wahrscheinlich ist dies auch der Grund dafür, daß es Hörgeschädigten Selbsthilfegruppen in Deutschland erst seit 1982, seit dem Beginn der Rendsburger Rehabilitation für Hörgeschädigte, gibt.

Während der vier Seminarwochen in Rendsburg haben Hörgeschädigte erkannt, daß eine Selbsthilfegruppe für Schwerhörige und Ertaubte durchaus realisierbar ist, wenn zu Beginn der eigentlichen Arbeit ein tragfähiges Kommunikationssystem durch Sichthilfen aufgebaut werden kann.

 

„Totale Kommunikation"

Wie ist das zu erreichen ?? Durch das Zusammenwirken der vorhandenen Kommunikationshilfen wie

-- Absehen

-- Lautsprach-Begleitende-Gebärden = LBG

-- Internationales Fingeralphabet

-- Mimik

-- Körpersprache

in Verbindung mit guter Artikulation und einem eventuellem Resthörvermögen kann eine, für alle Teilnehmer gleichwertige Kommunikationsmöglichkeit und somit eine direkte, spontane Beteiligung am Gespräch, sowie Sicherheit in der Verständigung erreicht werden.

Für einem Hörgeschädigten (Nichtrendsburger) gilt es jedoch noch eine weitere Hürde zu überwinden. Hat er sich endlich, nach langem Zögern und mit sich Ringen, dazu entschlossen eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, steht er zunächst einem neuen Problem gegenüber.

Er sieht sich plötzlich doppelt behindert.

Er, der Hörgeschädigte selbst, wurde bisher von seinen guthörenden Gesprächspartnern immer verstanden. Hier in der Gruppe ist die Verständigung in beiden Richtugen gestört.

Wurde er bisher ohne besondere Kontrolle seiner Sprechweise verstanden, muß er sich nun um gute, sprachliche Artikulation bemühen um sich wenigstens annähernd verständlich zu machen.

Das macht ihn nicht nur ratlos, es ärgert ihn, er wird wütend und aggressiv, fühlt sich überfordert.

Das Spiegelbild seiner eigenen Behinderung ist für ihn zu diesem Zeitpunkt >weiß Gott< noch keine Wohltat im Sinne von „ ich bin nicht allein mit mei nen Schwierigkeiten", sondern eher ein Schock !!

Es kann passieren, daß er sich so erschreckt, daß er sich endgültig in die Isolation zurückzieht. Ihn aufzuhalten, zurück zu holen dürfte für die noch im Aufbau stehendeGruppe unmöglich, die Überzeugungskraft und das Einfühlungsvermögen des laienhaften Gruppensprechers überfordert sein.

>> Hier täte professionelle Hilfe, z. B. durch einen Schwerhörigenseelsorger/In, not. <<

Bleibt er jedoch, wird er sehr bald merken das die Erfahrung, im Mitmenschen sein eigenes Schicksal zu erkennen die Schranken persönlicher Leidensbefangenheit aufbricht und Selbstmitleid vorbeugt.

Das eigene Leben findet im Mitmenschen seinen Widerhall und im Gespräch mit dem anderen entwickeln sich jene Gefühlshaften Schwingungen die unser Menschsein bestimmen.

Der an Schwerhörige und Ertaubte gegebene Rat sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen ist daher mehr als Wegweisung zu Kontakt und Trost unter Ihresgleichen.

Die besondere Art von sozialer Teilhabe in einer Selbsthilfegruppe ist Therapie im Sinne der Aktivierung und Förderung von Kräften zur Selbstbewältigung der Behinderung.

In der Zwanglosigkeit der Selbsthilfegruppe, in der erlebten, wohlwollenden Akzeptanz des einzelnen durch die Gruppe, vollzieht sich eine enorme therapeutische Leistung.

Reden und Zuhören ist in einer Hörgeschädigten-Selbsthilfegruppe oft wichtiger als der Inhalt der gewechselten Worte. Nicht die Klugheit der ausgetauschten Argumente entscheidet über Sinn und Nutzen einer Selbsthilfegruppe, sondern die Verwirklichung emotionaler Qualitäten wie Offenheit, Rücksicht, Vertrauen und Liebe der Teilnehmer zueinander.

Jeder einzelne soll in die Lage versetzt werden alles was ihn gefühlsmäßig im Zusammenhang mit seiner Hörbehinderung belastet, wie z. B. Angst, Verzweiflung, >warum gerade ich?< Minderwertigkeit, Wut usw., - für sich anzunehmen, zuzulassen offen auszu-drücken und nicht zu verleugnen oder zu verschieben. Das in offener Atmosphäre >> Darüber Reden << ist die beste Möglichkeit zur Verarbeitung innerer Konflikte und Selbstmitleid vorzubeugen. Selbstmitleid verstellt den Blick für die tatsächliche Last der Störung und für die verbleibenden Kräfte zur Überwindung.

Die Weigerung vor der inneren Auseinandersetzung mit den veränderten Realitäten durch die plötzlich auftretende Hörschädigung ist ein Sich-Hingeben an die Illusion der Vergangenheit, ein Versuch des Festhaltens am Vergangenem.

Die unter Schwerhörigen nicht seltene >> sehr oft anerzogene << Verhaltensweise des Leugnens, Tarnens oder Sich-Versteckens, - der die Unsichtbarkeit der Behinderung sehr entgegen kommt, - wirken die unbestreitbar guten Erfolge von Selbsthilfegruppen entgegen.

Das immer wiederkehrende Gemeinschaftserlebnis in der Gruppe lehrt sie bald die Hörbehinderung anzunehmen, in ihr Leben einzubeziehen und zum Bestandteil ihres Lebens zu machen.

Die, durch Sichthilfen entspannte, Kommunikation der Gruppen-Gesprächs-Arbeit, stärkt das Vertrauen in die eigene, therapeutische Selbsthilfekompetenz.

Sie erkennen, die gemeinsame Arbeit

--- stärkt das Selbstbewußtsein

--- hebt das Selbstwertgefühl

--- verbessert die Lebensqualität

--- läßt Solidarität erleben

--- verbessert die Kommunikationsfähigkeit

--- zeigt neue Wege zur Selbstverwirklichung und Identitätsfindung auf

Hat eine Gruppe dieses Ziel erreicht, wird sie sich entweder auflösen oder sich anderen, gemeinsamen Zielen zuwenden.

--- Aufklärende Öffentlichkeitsarbeit

--- Forderungskataloge erstellen, begründen und veröffentlichen

--- Weiterbildende, hörgeschädigtengerechte Seminare besuchen oder vor Ort organisieren

--- Kontakte zu anderen Selbsthilfegruppen aufnehmen usw.

 

3. Selbsthilfe und Nachsorge

Hilf Dir selbst, dann hilft Dir auch Gott !!

Ein wahres Wort, aber stimmt es auch immer ???

So einfach ist es also mit einer Hörschädigung zu leben. Ein schwerhöriger oder ertaubter Mensch muß nur eine Selbsthilfegruppe besuchen und die Welt ist wieder in Ordnung.

Leider sieht die Wirklichkeit ganz anders aus.

Oft, zu oft und zu schnell wird der, durch die Rendsburger Reha oder eine Selbsthilfe-Therapie gestärkte Hörgeschädigte in die grausame Realität seiner Behinderung zurückgeholt.

Was nutzt ihm sein, in harter Arbeit erworbenes Selbstbewußtsein, - seine Aufklärungsarbeit, - seine begründeten Forderungen um mehr Verständnis Wenn...........

--- die Familie sich weigert Sichthilfen >> Gestik und Mimik << anzuwenden oder gar >>Gebärden<<zu lernen

--- sein Versuch öffentliche Mißstände aufzuzeigen und zu beseitigen boykottiert wird

--- seine Forderung nach ausreichender Schwerhörigen - Seelsorge belächelt und statt dessen reduziert wird

--- Lehrer an Schwerhörigen- Schulen weiter gegen Gebärden wettern, weil - bei Anerkennung - sie selber lernen, Gebärden lernen müssen

--- ihm der Pastor vor dem Gottesdienst einen Zettel mit der Predigt in die Hand drückt, ansonsten aber weiter macht wie gehabt. Weiter nuschelt, im Schatten steht, sich abwendet

--- Hörgeschädigten Seelsorger meinen, in absehbarer Zeit überflüssig zu sein, weil es ja ein CI gibt, dabei aber vergessen -- oder etwa nicht wissen,? das auch ein mit Erfolg Operierter immer ein Schwerhöriger sein wird

wenn........

--- er sich immer wieder ausgeschlossen und abgeschoben fühlen muß

--- er, meist ohne Erfolg, immer und immer wieder auf seine Behinderung und den damit verbundenen spezifischen Kommunikationsbedürfnissen hinweisen muß

--- er, trotz seiner Aufklärungsarbeit, an einen minderwertigen Arbeitsplatz degradiert wird, weil er nicht mehr - ohne Verstärker - telefonieren kann

--- sich niemand wirklich für die Bedürfnisse Hörgeschädigter interessiert, weil sie Zeit und Geduld kosten. Zeit ist schließlich Geld !!!!!

Wennnnnn................... ich könnte stundenlang so weiter machen, leider fehlt auch mir die Zeit.

Wenn er immer wieder an vermeidbare Grenzen stößt, bröckelt sein Selbstbewußtsein ab wie eine Schönheitsmaske, er fällt wieder zurück in die längst vergessen geglaubte Verhaltensweise des Leugnens, Sich-Versteckens und Tarnens, spielt nach Außen den Selbstbewußten während seine Seele jämmerlich verkümmert.

Stark werden, meine Damen und Herren, hat er aus eigener Kraft geschafft. Zum Starkbleiben braucht er Hilfe. Unsere Hilfe zur Selbsthilfe und Ihre meine Damen und Herren Seelsorger für die Seele, Lebenshilfe !!!!!!

Hilfe, nicht im Sinne von betreuen, betutteln, bedauern und bevormunden. „Nein!" Hilfe im Sinne von bestärken, anerkennen, gleichberechtigt behandeln, annehmen und nicht ausschliessen. Ihn abhölen, auf ihn zugehen und mit ihm, dem Schwerhörigen und Ertaubten gemeinsam Umwelt und Gesellschaft aufklären, gemeinsam seine Rechte und Pflichten wahren, gemeinsam eine hörgeschädigtengerechte Welt aufbauen.

Das Leben mit einer Hörschädigung könnte so befriedigend sein, wenn Familie - Kirche und Gesellschaft

--- den Behinderten annehmen

--- in ihr Leben einbeziehen

--- zum Bestandteil ihres Lebens machen !!!!!!!

 

Quellen:

Standhalten statt Flüchten -- Referat von Dr. W. Richtberg

Selbsthilfegruppen Ministerium für Arbeit und Soziales NRW